BredemeyerCompany

RadioKultur (SFB/ORB) "Galerie des Theaters" 03.11.2002
Redaktion: Petra Castell
Brotfabrik / Die Bredemeyer Company: "Die Schlacht" (Heiner Müller) Regie: Bert Bredemeyer
Autor: Thorsten Jantschek


Vor der Schlacht, während der Schlacht und nach der Schlacht wird gelacht. Manege frei für die Komödianten und Artisten der deutschen Geschichte. Auf der kleinen, von Paula Zeh eingerichteten Bühne in der Werkstatt der Brotfabrik steht nichts anderes als ein Gestell aus zwei Leitern mit einem begehbaren Alusteg darüber. Im Spiel der Bredemeyer Company wird das mal ein Schützengraben, dann wieder ein Luftschutzkeller oder eine Fleischertheke sein. "Szenen aus Deutschland", so hatte Heiner Müller sein 1975 erstmals übrigens in der Regie von Manfred Karge und Matthias Langhoffan der Volksbühne aufgeführtes Stück im Untertitel genannt. Bösartige Miniaturen sind das einer beschädigten, durch Krieg und Faschismus brutalisierten Gesellschaft. Ein Mann erschießt seinen Nazi-Bruder, Soldaten fressen einen Kameraden, ein Amerikaner wird zu Wurst verarbeitet und ein übrig gebliebener Nazi anderer tötet seine Familie, frei nach dem Motto: "Der Führer ist tot, Leben ist Hochverrat". Ins Schlachthaus der Geschichte begeben sich die Darsteller der Bredemeyer Company mit Gymnastikschläppchen, weißen Artistenhüschen und in Uniformjacken, deren Revers mit roter? Kunstpelz besetzt sind. Vor und zwischen den Szenen Heiner Müllers geben sie kleine, pantomimisch stilisierte Kunststückchen wie Folterqualen oder Bomben- und Granatenangriffe. Was uns in dieser launigen Gruselrevue - im wahrsten Sinne des Wortes - vorgegaukelt wird, ist natürlich keineswegs lustig, will es wohl auch gar nicht sein. Das Lachen soll dem Zuschauer im Halse stecken bleiben, sieht er sich doch als Teil einer Gesellschaft, in der Bilder von Krieg und Menschenrechts/verletzungen längst zu einem umfassenden Unterhaltungsprogramm gehören. Gelacht wird über alles: Willkommen in der Spaßgesellschaft! Aber die sollte doch - so erinnern wir uns dunkel - schon vor gut einem Jahr an ihr Ende gekommen sein. Und vielleicht werden ja deshalb die Szenen Heiner Müllers mit einiger Ernsthaftigkeit und reichlich Pathos gesprochen. Ein schroffer Lichtwechsel vom warmen Zirkus zum kalten Müller, und schon schlüpfen die Komödianten in ihre Rollen, in dem sie sich eine weiße Larve überstreifen, schließlich haben wir ja mal gelernt, dass der Ursprung des Wortes "Person" im Theater zu finden ist und 'Personal nichts anderes als 'Maske' bedeutet. Und so verlieren diese Personen ihr Leben auch, indem ihnen die Maske abgenommen wird. Bei allem Spaß über die Spaßgesellschaft stecken hinter den Larven in dieser Inszenierung doch nur stets die Komödianten. Interessant indes wäre es gewesen, wenn es in Müllers schematischen, ethisch relevanten Entscheidungssituationen über Leben und Tod nicht nur um feixende Gaukler, sondern tatsächlich um Menschen gegangen wäre. Denn die nennt man, wenn es um das Moralische geht, spätestens seit Immanuel Kant, eben auch Personen.

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